30 Jahre Kulturhaus!
Artikel aus unserem Jubiläums-Programmheft, erschienen im Mai 2015

 

Die ersten konkreten Gedanken zur Gründung eines Kulturhauses in Schweinfurt tauchten 1983 auf. Schon seit ein Paar Jahren hatte in Schweinfurt ein kulturelles Vakuum geherrscht: es gab noch keine Konzerteflut wie heute, es gab keinen „alternativen Treffpunkt für die etwa 20 – 30jährigen, keine öffentliche Plattform für politische Themen, und es gab auch keinen kleineren Veranstaltungsort mehr, nachdem das legendäre SOFA in der Brückenstraße die Pforten schließen musste.
Doch die Initiative gegen die Volkszählung 1982 – 84 hatte erwiesen, dass eine ganze Menge Leute Interesse an einem solchen Haus hatten, das ein selbstbestimmter, anti-konsumorientierter, für alle offener Treffpunkt und Freiraum für Kultur im weitesten Sinne werden sollte, „für alle möglichen Interessen“. Der „Verein zur Förderung von Bildung und Kultur“ gründete sich und konnte von der Stadt das „Schreinerei Weidinger“-Gebäude am Obertor mieten. 1984 wurde das stimmungsvolle Anwesen umgebaut, das „Kulturhaus Schreinerei“ entstand, und am 4./5. Mai 1985 wurde offiziell eröffnet.
Ein sehr breites Angebot beherrschte die frühen Jahre: politische Veranstaltungen, Kabarett, Musik, Diskussionsforen, Theater, Kurse. Bald zeigte sich jedoch, dass es zwischen Teilen des Vereins unterschiedliche und unversöhnliche Interessen gab: eine seriösere Fraktion, die sich mehr der „gehobeneren“ Kultur und einem gewissen Image verpflichtet fühlte, und die Fraktion des Kneipen-Kollektivs, die den Betrieb der Kneipe schmissen und eher mit den Attributen „laut, wild und ungepflegt“ charakterisiert werden kann. Auch das Kollektiv begann Veranstaltungen durchzuführen (z.B. Kneipenkonzerte) und immer mehr kam es zu Streitigkeiten über Außenwirkung und Inhalte.
Eine Spaltung war unvermeidlich. Der (alte) Verein wurde letztendlich zur jetzigen „Disharmonie“ und das Kneipenkollektiv zum „Verein zur Unterstützung und Erweiterung von Kultur und Kommunikation“. Ein weiterer Ableger wurde übrigens die „Neue Heimat“ in Volkach, die sich aber auch bald selbstständig machte.
In der „Schreinerei“ verlor die etablierte Kultur schnell an Boden und als „Kultur von unten“ könnte man die Veranstaltungen der kommenden Jahre überschreiben. Ob Oskars selbstentworfenes Deserteur-Denkmal, die dillethantisch/genialen Passionsspiele oder die zahlreichen Konzerte mit kleineren, relativ unbekannten Bands im Bereich von Jazzrock/Ethno bis immer mehr hin zu Hardcore/Punk/Crossover – alles Kultur, aber nicht amtliche, und veranstaltet alle die Jahre ohne einen einzigen Zuschuss.
Das „Kult“ wurde vor allen auch zum Anlaufpunkt für die „etwas andere“ Jugend: Freaks, Punks, Abhänger. Zum Großprojekt entwickelte sich das „Umsonst & Draußen“, das 1990 erstmalig als kleines Open Air mit lokalen Bands beim Ruderclub stattfand. Bis Ende der 90er traten jedes Jahr 20 – 30 Combos aus In- und Ausland an drei Tagen auf und lockten um die 20000 Besucher auf die Mainwiesen. Die „Schweinfurter Bluestage“ nahmen ihren Anfang übrigens auch im Kulturhaus.
Seit Jahren schon wollte die Stadt allerdings das Haus am Obertor dem Erdboden gleichmachen, um eine große Straßenkreuzung zu bauen. Es wurden Alternativgebäude gesucht (auch weil der bauliche Zustand der „Schreinerei“ immer mehr verfiel) und schließlich mit Hilfe von Bürgermeister Herbert Müller der alte Stadtbahnhof gefunden und im Stadtrat durchgeboxt.
1994 war klar, dass die „Schreinerei“ in den ehemaligen Bahnhof umziehen würde und die Umbauarbeiten begannen. Ein Riesenprojekt! Nebst hohen Investitionen der Stadt Schweinfurt und des Bayerischen Jugendrings steckten wir selbst Tausende von Arbeitsstunden und zigtausende D-Mark in den Umbau zum „Jugendkulturhaus Stattbahnhof“. Am 1. März 1996 war wenigstens die Disco, die Toiletten und die Küche soweit fertig dass wir für kurze Zeit den Probebetrieb eröffnen konnten.
Mittlerweile wurde weiter gebaut, die Kneipe und der Saal präsentierten sich ganz ansehnlich und konnten genutzt werden. Am 3. Oktober 1997, nach über zwölf Jahren einer bewegten Geschichte, nahmen wir und viele Stammgäste Abschied von der „Schreinerei“ am Obertor und seit 4. Oktober 1997 läuft der Betrieb des Kulturhauses im Stadtbahnhof.
Im ersten Jahr nach dem Umzug lief noch alles super. Viele neue Gäste kamen, wollten die neue Kneipe im alten Bahnhof kennen lernen, mit regelmäßigem Discobetrieb und vielen tollen Konzerten in einem größeren Saal mit perfektem Sound.
1999 dann wurde ein „schwarzes Jahr“: die Kneipengäste blieben oft aus. Es zeigte sich dass ein Großteil des bisherigen „Schreinerei“-Stammpublikums fern blieb. Teilweise waren sie vielleicht „alt geworden“ oder machten aus anderen Gründen den Umzug einfach nicht mit. Zum Desaster entwickelte sich das Open Air 1999: Obwohl mittlerweile ein (kleiner) Eintritt verlangt wurde und wirkliche Top Bands spielten schloss das letzte vom Verein organisierte „Q-Pop-Festival“ durch fehlende Unterstützung der Stadt, immer höhere Auflagen und nicht zuletzt durch die Insolvenz eines Hauptsponsors mit einem saftigen Minus ab. Anstatt wie sonst durch das Open Air Geld für das laufende Programm zu verdienen musste man Geld mitbringen. Zur Jahrtausendwende stand der Stattbahnhof kurz vor dem Aus.
Diese prekäre Situation brachte einige (meist junge) neue Leute auf den Plan, die zuvor nur Gäste waren. Die Kneipe wurde nochmals umgebaut, die Öffnungszeiten reduziert. Vieles was zuvor bezahlte Arbeit war wurde nun ehrenamtlich geleistet. Eine Welle der Unterstützung rettete das Haus vor der drohenden Insolvenz. Dabei fand ein fast völliger Generationswechsel statt: neue junge Leute um die 20 bestimmten das Bild, die letzten „Alt-Kollektivisten“ traten in den Hintergrund. Somit wurde auch das Veranstaltungsprogramm „jünger“: statt Rock gabs in der Disco nun elektronische Musik und im großen Saal spielten immer mehr frische Bands Richtung Punk/Hardcore, die eben auch bei jüngeren Leuten angesagt waren.
Trotzdem plagte den Verein ein immens hoher Schuldenberg (vor allem aus dem Umbau), der irgendwie bedient werden musste. Anfang des Jahrtausends wurde weiter an der Kostenschraube gedreht: Hauptamtliches (sofern es ging) in Ehrenamtliches umgewandelt. Bei Veranstaltungen die strikte Devise: „es muss sich rechnen“, also keine Experimente mehr (nur weil einem Band XY gerade gefällt muss ich denen auch keine hohe Festgage garantieren…). Viele Ausgaben hinterfragen (Muss das wirklich sein?), aber nur so gelang es den Betrieb auch in den 2000er-Jahren aufrecht zu erhalten. Eine geplante Neuauflage des „Q-Pop“-Open Airs scheiterte, da man dieses finanzielle Risiko nicht mehr eingehen konnte.
Trotz drückender Schuldenlast wurde immer wieder investiert: Eine Empore in den großen Saal eingebaut, die Küche und die Disco modernisiert, die komplette Veranstaltungstechnik erneuert und erweitert. Dies gelang auch nur durch eine weitere Öffnung hin zur weiteren „Szenen“: viel beachtete Konzerte Richtung Blues/Rock kamen hinzu und machten den Stattbahnhof zum Live-Veranstaltungsort Nr. 1 in der Region. Viele namhafte Künstler treten auf der Stattbahnhof-Bühne auf, im Tourplan finden sich neben Schweinfurt oft sonst nur Großstadtclubs…
Die Live-Bühne brummt, aber auch abseits davon macht der Stattbahnhof immer noch durch ausgefallene Veranstaltungen auf sich aufmerksam: sei es ein Trashfilm-Festival, diverse Info- und Diskussionsveranstaltungen, Fußballturnier, ab und an Theater, oder ein Bingo-Abend. Alles Sachen, die es sonst wo in Schweinfurt in dieser Form nicht gibt.
Trotzdem ist der Stattbahnhof im 30sten Jahr seines Bestehens wieder bei der Frage angekommen: wie geht’s weiter? Die Schuldenlast ist fast getilgt, dafür werden mittlereile wieder oft rote Zahlen geschrieben. Die Events laufen meist ganz gut, der Normalbetrieb in der Kneipe (ohne zusätzliche Events) eher schleppend. Die Kosten (Energie, Personal, Auflagen) steigen stetig, während die Umsätze stagnieren. Ein (kleiner) Neuanfang wäre nötig, jedoch fehlt uns zur Zeit auch das nötige Personal dafür. Die ehemals jungen und engagierten sind auch alt geworden, weggezogen oder haben immer weniger Zeit. Neue Leute ziehen oft nach kurzer Zeit weg oder engagieren sich erst gar nicht größer. Ein weiterer Generationswechsel wäre mittlerweile wohl von Nöten, allerdings sind wir auch immer noch auf der Suche nach dieser „Generation“.
Um die Situation zu verbessern wird zurzeit an Konzepten gearbeitet das Kneipenangebot attraktiver zu gestalten. Die Aufgabe ist es neue Gäste zu gewinnen, dabei aber den alternativen Charakter des Hauses zu erhalten. Ob das funktioniert wissen wir nicht, auch eine (nochmalige) Einschränkung der Öffnungszeiten ist mittlerweile im Gespräch...
Die Frage lautet: Ist der Stattbahnhof in Zukunft ein reine „Eventlocation“ für Konzerte & Co. (das würde locker funktionieren), oder ist da auch weiterer Bedarf an einem Treffpunkt ohne Konsumzwang, einem Ort ohne Gesichtskontrolle am Eingang, einem Ort wo man auch Veranstaltungen abseits des Mainstreams besuchen kann, einem Ort wo man noch die unmöglichsten Dinge ausprobieren kann?
Wir glauben gerade Schweinfurt hätte so einen Ort bitter nötig. Sind das jetzt wir?
Wir haben bestimmt schon viele Fehler gemacht, haben uns blöd verhalten, sind auch angeeckt, haben Mist verzapft, etc. Die Frage ist: wo denn sonst? Wo sonst in Schweinfurt kann eine alternative Kulturszene entstehen und sich weiterentwickeln? Wir haben die Möglichkeiten dazu (finanzielle Aspekte jetzt mal ausgelassen…). Es liegt an den Leuten die das umsetzen und an den „Konsumenten“, die so was zu schätzen wissen. Den Stattbahnhof wird’s wohl auch in naher Zukunft noch geben, in welcher Form liegt an ausschließlich an EUCH.
Also: Hoch die Faust, nachgedacht und losgemächt (frei nach Oskar vor 20 Jahren…)
Euer aller Stattbahnhof

Öffnungszeiten der Kneipe

Donnerstag: 16 - 1 Uhr

Freitag: 18 - 3 Uhr

Samstag: 18 - 5 Uhr

Sonntag: 10 - 18 Uhr

Außerhalb dieser Zeiten nur bei Veranstaltungen geöffnet!

Achtung - wichtig

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Hier sind wir

Kulturhaus Stattbahnhof

Alte Bahnhofstraße 8-12

97422 Schweinfurt

Tel. Kneipe: 09721-16661

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